Ein Sprint für 79,3 Millionen Euro zu einem knappen Termin

Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) beschreibt seine nationale EU-Digitalidentitäts-Wallet als eine staatlich geförderte, interoperable Smartphone-App, die die persönlichen Daten der Nutzenden ausschließlich auf dem eigenen Gerät speichert. Der eigene Fahrplan des Ministeriums listet digitale Identitätsprüfung anhand zentraler Personalausweisdaten, digitales Dokumentenmanagement für Dinge wie Personalausweis und Führerschein, elektronische Bescheinigungen von Attributen, qualifizierte elektronische Signaturen, pseudonyme Anmeldung und spätere Zahlungsfähigkeit auf, dazu eine Pflicht zur Barrierefreiheit. Der Zieltermin, zu dem sich das Ministerium verpflichtet hat, ist der 2. Januar 2027.

Die Berichterstattung von Biometric Update vom 4. August 2026 beziffert, was die Jagd nach diesem Termin kostet: 79,3 Millionen Euro, umgerechnet rund 91 Millionen Dollar, bis 2026 eingeplant für ein wachsendes Programm aus Hackathons, ein Entwicklerökosystem, technische Sandkästen und Pilotprojekte. Das ist echtes Geld und echte institutionelle Dringlichkeit hinter einer einzigen Smartphone-App - und es wird gezielt ausgegeben, um einen harten Termin zu schaffen, nicht um den vollen Funktionsumfang zu liefern, den der eigene Fahrplan des Ministeriums beschreibt.

Das Vorreiter-Problem: höchstens 16 von 27

Jeder EU-Mitgliedstaat ist nach der geänderten eIDAS-Verordnung verpflichtet, den Bürgerinnen und Bürgern mindestens eine EUDI-Wallet zur Verfügung zu stellen, mit einer praktischen Frist Ende 2026. Deutschlands eigener zugesagter Starttermin, der 2. Januar 2027, liegt bereits ein paar Tage hinter dieser Linie - und Deutschland ist dabei nicht das Schlusslicht. Eine von Biometric Update zitierte Namirial-Einschätzung sortiert alle 27 Mitgliedstaaten in drei Stufen: drei Länder nahezu sicher, fünf sehr wahrscheinlich und acht weitere als wahrscheinlich eingestuft, macht optimistisch gerechnet höchstens 16 Staaten mit einer funktionierenden Wallet nahe am Zeitplan. Eine frühere, separate Einschätzung von Signicat vom Januar 2026 hatte nur 12 Staaten auf Kurs gezählt. So oder so bleibt etwa die Hälfte des Staatenbunds in dem, was Namirials eigener Bericht eine breite Mittelgruppe mit echter Unsicherheit nennt.

Das zählt deshalb, weil das gesamte Argument für eine von der EU kontrollierte Wallet, statt sich auf die bestehenden Identitätsschienen von Apple oder Google zu verlassen, die grenzüberschreitende Interoperabilität war: ein Nachweis einer französischen Bürgerin, sofort anerkannt von einer deutschen Bank, einem polnischen Arbeitgeber, einer italienischen Behörde. Wenn nur die Hälfte der Mitgliedstaaten Anfang 2027 plausibel eine funktionierende Wallet hat, scheitert dieses Argument nicht vollständig - es existiert schlicht noch nicht für den größten Teil der Union, über den größten Teil des Jahres.

Was das Minimalkonstrukt tatsächlich weglässt

Deutsche Prüfer, zitiert von Biometric Update, haben ein konkretes Wort für die am 2. Januar startende Version: Minimalkonstrukt, ein abgespeckter Grundbau, der nur die gesetzliche Mindestanforderung erfüllt und nicht mehr. Ihre Einschätzung ist unverblümt - sollte die Wallet wie geplant am 2. Januar live gehen, werde sie weit von dem entfernt sein, was sie eigentlich sein soll. Die Funktionsliste bestätigt die Lücke: qualifizierte elektronische Signaturen, Zahlungsfunktionen und mehrere der vom Ministerium selbst genannten Fähigkeiten sind ausdrücklich auf Phasen nach dem Erststart verschoben, der nur Identitätsprüfung und Nachweisvorlage unterstützt.

Bundesdigitalminister Karsten Wildberger, der im Juni die Community-Veranstaltung EUDI ON 2026 mit rund 400 Akteuren aus Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft eröffnete, rahmt denselben Start deutlich optimistischer und nennt ihn den möglichen Beginn von etwas Großem. Beide Aussagen können gleichzeitig stimmen: Ein minimal funktionsfähiger Erststart kann trotzdem ein sinnvolles Fundament sein, ist aber nicht die souveräne, funktional vollständige Identitätsschicht, als deren Ankunft 2027 das Projekt eIDAS 2.0 ursprünglich verkauft wurde.

Der Souveränitätspunkt, den niemand offen ausspricht

Die EU hat die EUDI-Wallet zuerst als Instrument digitaler Souveränität gebaut und erst danach als Komfort-App - das ausdrückliche Ziel war eine von Europa kontrollierte Identitätsschicht, die nicht von der Wallet-Infrastruktur von Apple oder Google abhängt. Dieses Argument steht und fällt damit, dass die Wallet tatsächlich breit nutzbar und über Grenzen hinweg gegenseitig anerkannt wird. Was die deutschen Zahlen zeigen: Selbst der Mitgliedstaat, der das meiste Geld, die meisten Hackathons und die meiste politische Aufmerksamkeit auf den Termin wirft, landet nur bei einem Minimalbau ein paar Tage nach der gesetzlichen Frist - während kaum die Hälfte der restlichen Union überhaupt so weit ist und 51 Prozent der befragten französischen und deutschen Verbraucher noch nie von der Existenz der Wallet gehört haben.

Für jede Bank, jeden Telekommunikationsanbieter, jeden Versicherer oder jede Behörde, die plant, die EUDI-Wallet 2027 als primären Identitätskanal zu akzeptieren, ist die operative Schlussfolgerung konkret: eine mehrjährige Übergangsphase einplanen, in der klassische Papier- und Plastikausweise der verlässliche Rückfall bleiben, und die Wallet-Akzeptanz als schrittweise Fähigkeit behandeln, die man Mitgliedstaat für Mitgliedstaat hinzufügt, sobald dieser tatsächlich live geht - nicht als eine einzige EU-weite Integration, die man im Januar einschaltet. Auch die geplante Experimentierklausel, die es Deutschland erlauben könnte, neue Verifizierungsmethoden ohne parlamentarische Zustimmung zu autorisieren, ist beobachtenswert - genau die Art Abkürzung, zu der Regierungen greifen, wenn eine Souveränitätsfrist auf ein unfertiges Souveränitätsprodukt trifft.