Ein Anruf, der nichts verlangt

Ein Smartphone leuchtet auf, ein eingehender Videoanruf über VoLTE, den Standard für Sprache über LTE, der heute die meisten Gespräche in modernen Netzen trägt. Die Person, die es hält, hat noch nichts angetippt. Irgendwo unterhalb des Betriebssystems, in einem Teil des Chips, von dem die meisten Besitzer noch nie gehört haben, verarbeitet das Modem bereits eigenständig den Verbindungsaufbau und die Signalisierungsdaten des Videoanrufs auf seinem eigenen, separaten Prozessorkern.

Genau dieser separate Kern ist das Ziel. Sicherheitsforscher von SSD Secure Disclosure veröffentlichten am 17. August 2026 ein Advisory, das eine funktionierende Exploit-Kette gegen den Unisoc T612 beschreibt, einen Chipsatz, der in einer breiten Palette von Einsteiger- und Mittelklasse-Android-Telefonen verbaut ist. Der Zugangsweg führt über die Verarbeitung der VoLTE-Videoanruf-Signalisierung im Modem, nicht über das Android-Betriebssystem, das der Nutzer sieht.

The Hacker News, die ebenfalls über das Advisory berichtete, brachte die Bedeutung auf den Punkt: Dies ist keine theoretische Schwachstelle in einem Laborpapier, sondern eine nachgewiesene Kette, bei der ein funktionierender Exploit von einem Anruf bis zur Kernel-Kontrolle des Geräts führt, ohne dass der Nutzer eine App öffnen, einen Link anklicken oder über das bloße Klingeln hinaus eine Berechtigung erteilen muss.

Die drei Stufen der Kette

Die Forscher beschreiben den Exploit als drei miteinander verbundene Stufen. Die erste nennen sie einen Egg Hunter, eine Technik, die den Speicher nach einer kleinen platzierten Nutzlast durchsucht, sobald der Angreifer irgendeine Art von Schreibzugriff besitzt, statt vorab die genauen Speicheradressen kennen zu müssen. Es ist ein Aufklärungsschritt, der aus einem schmalen Zugang einen nutzbaren macht.

Die zweite Stufe ist die entscheidende: eine Umgehung der MPU des Chips, der Memory Protection Unit, jener Hardwarefunktion, die die Ausführungsumgebung des Modems eigentlich von sensiblem Speicher abschotten soll. SSD Secure Disclosure erklärt, der Exploit deaktiviere diesen Schutz und schreibe anschließend direkt Kernel-Shellcode, was dem Angreifer uneingeschränkten physischen Speicherzugriff aus dem Inneren der Modem-Ausführungsumgebung verschafft, einer Zone, die niemals so weit reichen sollte.

Die dritte Stufe ist ein Sprungbrett über do_sys_open, eine systemnahe Kernel-Funktion zum Öffnen von Dateien, die die Kette umfunktioniert, um vom rohen Speicherzugriff zur vollen Kernel-Kontrolle auf der Android-Seite zu wechseln. Zusammengefügt führen die drei Stufen einen Angreifer von einem empfangenen VoLTE-Videoanruf bis zur Kontrolle des Betriebssystem-Kernels selbst, was nahezu dem maximal möglichen Zugriffsgrad eines Geräts entspricht.

Eine Chipfamilie, kein Einzelgerät

SSD Secure Disclosure und The Hacker News nennen beide zwei bestätigt betroffene Geräte: das Xiaomi Redmi A5 und das Motorola E13, zwei der meistverkauften Einsteiger-Android-Telefone in Europa und darüber hinaus. Beide sind genau die Art Gerät, die ein Unternehmen in großer Stückzahl für Mitarbeiter kauft, die ein funktionierendes Telefon brauchen, kein Flaggschiff.

Die Gefährdung beschränkt sich nicht auf diese beiden Modelle. Unisoc-Chipsätze halten weltweit rund 14 Prozent Marktanteil bei Smartphone-System-on-Chip-Lösungen, ein Anteil, der fast vollständig auf Einsteiger- und Mittelklassegeräten beruht, und der T612 im Besonderen steckt in Telefonen von Marken wie Honor, Realme, vivo, Samsung und Motorola. Nicht jedes Unisoc-Telefon nutzt den T612, doch die Reichweite der Chipfamilie über mehrere große Marken hinweg zeigt, dass der praktische Fußabdruck größer ist, als zwei Modellnamen vermuten lassen.

Genau diese Kombination, ein weit verbreiteter Chip in einem wenig glamourösen Marktsegment, macht die Lücke kommerziell und nicht nur akademisch relevant. Einsteiger- und Mittelklasse-Android-Geräte sind die Standardwahl für Flotten, Lieferdienste, Einzelhandel, Lager und Außendienst, genau jene Gerätekategorien, die in großer Zahl beschafft und am seltensten aktualisiert werden.

Warum der übliche Patch-Ablauf hier noch nicht greift

Hier liegt der Unterschied zu einer gewöhnlichen Chip-Schwachstelle: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde der Lücke keine CVE-Kennung zugewiesen, und von Unisoc existiert kein Patch. SSD Secure Disclosure erklärte unumwunden, man habe den Hersteller über zwei getrennte Kanäle kontaktiert, per E-Mail und über LinkedIn, und man habe keine Antwort erhalten können. Dieses Schweigen ist inzwischen selbst Teil der Offenlegung.

Klassisches unternehmerisches Schwachstellenmanagement läuft über CVE-Nummern. Scanner prüfen bekannte Schwachstellendatenbanken, Beschaffungs-Checklisten verweisen auf CVE-Kennungen, und Patch-Zyklen werden daran gemessen. Eine Lücke ohne CVE taucht in keinem dieser Werkzeuge auf, was bedeutet, dass eine Organisation ein voll konformes Schwachstellenmanagement betreiben und trotzdem keinerlei Sichtbarkeit auf einen aktiven, aus der Ferne auslösbaren Kernel-Exploit in der eigenen Geräteflotte haben kann.

Für ein europäisches Unternehmen mit BYOD-Richtlinie oder eines, das Mitarbeitern Einsteiger- oder Mittelklasse-Android-Geräte ausgibt, kann die praktische Reaktion nicht auf einen Scanner-Alarm warten, der nichts hat, wonach er scannen könnte. Beschaffungs- und Geräteverwaltungsteams sollten schon heute prüfen, nach Gerätemodell und Chipsatz, ob Unisoc-T612-Hardware im Einsatz ist, statt auf einen CVE-Eintrag zu warten, der auf keinem verlässlichen Zeitplan erscheinen muss.

Das bedeutet nicht, dass niemals ein Patch kommen wird. Es bedeutet, dass derzeit die einzige verlässliche Methode, eine Gefährdung der eigenen Flotte zu erkennen, der direkte Blick auf die eingesetzte Hardware ist, weil das übliche Frühwarnsystem schlicht nichts hat, wovor es warnen könnte.