Finnland besteuert die Elektronen
Google besitzt bei Kajaani und Muhos in Nordfinnland ein 1.400 Hektar großes Grundstück, gekauft für ein Rechenzentrum, das einmal auf nahezu eine Milliarde Euro veranschlagt war. Seit diesem Monat liegt das Projekt auf Eis. Am 1. Juli 2026 hat Finnland Rechenzentren aus der niedrigeren Stromsteuerklasse in die allgemeine überführt und den Satz von 0,05 auf 2,24 Cent je Kilowattstunde angehoben, ein Plus von 2,19 Cent je Einheit, fast das 44-fache der alten Abgabe.
Google teilte der finnischen Regierung in der Frühjahrsanhörung mit, es habe für die Standorte noch keine Investitionsentscheidung getroffen und regulatorische Stabilität sowie verlässliche Betriebsbedingungen gehörten zu den ausschlaggebenden Faktoren. Die Regierung, der bewusst ist, dass gerade diese Entlastung die Hyperscaler in den Norden gezogen hatte, bereitet für den Herbst ein neues Förderprogramm für wertschöpfende Rechenzentren vor. Es bleibt eine Lücke: die höhere Steuer gilt bereits, der Ersatzanreiz noch nicht.
Deutschland besteuert die Abwärme
Deutschland hat keine Stromsteuer erhöht, sondern einen Baustandard. Nach dem Energieeffizienzgesetz muss jedes Rechenzentrum über 300 Kilowatt Anschlussleistung, das ab dem 1. Juli 2026 den Betrieb aufnimmt, mindestens 10 Prozent seiner Abwärme wiederverwenden, ein Anteil, der 2027 auf 15 und 2028 auf 20 Prozent steigt. Erfüllt wird das, indem Wärme in ein Fernwärmenetz eingespeist oder vor Ort genutzt wird, womit die Standortwahl davon abhängt, ob es in der Nähe einen Wärmeabnehmer gibt.
Das Gesetz wurde 2023 verabschiedet, doch erst in diesem Monat formt es Beton. Frankfurt, wo Rechenzentren bereits bis zu 40 Prozent des Stadtstroms ziehen, ist genau dort, wo die Regel am härtesten greift: Flächen nahe bestehender Wärmenetze gewinnen an Wert, ein Neubau ohne Abnehmer wird zum schwierigeren Geschäftsfall. Es ist eine Investitionskost, die in die Planung eingebaut ist, keine Zeile auf der Monatsrechnung.
Die Karte, nicht das Modell, bestimmt jetzt die Rechnung
Legt man beides zusammen, zeigt sich ein Muster, das keine einzelne Ankündigung ausspricht: in einem einzigen Binnenmarkt schwanken die Betriebskosten eines identischen Racks nun stark mit der Grenze, hinter der es steht. Finnland bepreiste den Strom, Deutschland die Wärme. Schwedens Wasserkraft im Norden, Frankreichs nukleare Grundlast und Spaniens günstige Solarenergie wirken plötzlich attraktiver, nicht weil sich die Hardware geändert hätte, sondern die Politik. Die Kapazität folgt dieser Rechnung, und sie bewegt sich bereits.
Für einen Betreiber lautet die praktische Antwort, vor dem Grundstückskauf die vollen Landkosten je Land zu rechnen: Stromsteuerklasse, Investitionskost für Abwärme, Netzanschluss-Warteschlange und lokale CO2-Regeln, nicht nur den nominalen Strompreis. Die unbequeme Folge ist eine der Souveränität. Bleibt die günstigste Mischung aus billigem Strom und freiem Netz in wenigen Regionen, konzentriert sich Europas KI-Kapazität dort, und einige der günstigsten Optionen liegen ganz außerhalb der EU.
Weiterlesen: Ein Speichervertrag in Europa umfasst nun 25 GWh | FERC setzt Großlast-Anschlussregeln auf 60-Tage-Frist



