Eine Krisenübung, die vier Organisationen tatsächlich abgeschlossen haben

CKKI - Cloud-basierte Kommunikation für kritische Infrastrukturen - war keine Laborvorführung. Die Deutsche Rentenversicherung Bund, die Bundesagentur für Arbeit, der IT-Dienstleister der Krankenkassen Bitmarck und der IT-Dienstleister der Unfallversicherung BG-Phoenics richteten jeweils eine eigene openDesk-Instanz auf einer anderen Cloud-Plattform ein und liessen die Module für Dateifreigabe, Chat, E-Mail und Videokonferenzen Szenarien durchlaufen, die einen echten Ausfall oder eine echte Krise simulieren sollten. Der Bund finanzierte die Arbeit über das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, unterlegt mit EU-Förderung.

Das entscheidende Ergebnis ist die Portabilität: Die Instanzen wechselten zwischen den Clouds von Ionos, Stackit und T-Systems, ohne dass der Arbeitsablauf abriss - ein Beweis dafür, dass ein souveräner Notarbeitsplatz nicht zwangsläufig eine Bindung an einen einzigen souveränen Anbieter bedeuten muss. Das ist eine deutlich andere und schwieriger zu erbringende Aussage, als lediglich zu zeigen, dass openDesk an einem gewöhnlichen Dienstag Outlook ersetzen kann - es ist der Beweis, dass die Software auch den Ausfall des eigenen Infrastrukturanbieters mitten in der Krise überstehen kann.

Der Bund ist der eigene Nachzuegler des Programms

Das technische Ergebnis passt nur unbequem zur Nutzungszahl. Eine Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage, veröffentlicht am 22. April 2026, bezifferte die openDesk-Lizenzen des Bundes auf 8.756, davon 8.475 bereits im Produktivbetrieb - ein Anstieg gegenüber 7.696 zum Jahresende 2025, aber in derselben Antwort weiterhin als unterhalb einer 'ausschliesslichen Nutzung von openDesk als Ersatz für proprietäre Lösungen' beschrieben. Zugleich gibt openDesk selbst an, dass insgesamt rund 100.000 Arbeitsplätze in der deutschen öffentlichen Verwaltung die Suite nutzen - eine Zahl, die überwiegend von Landeseinfuehrungen wie in Schleswig-Holstein getragen wird und nicht von jenen Bundesministerien, die das Krisenarbeitsplatz-Pilotprojekt in Auftrag gegeben und gerade zertifiziert haben.

Mit anderen Worten: Genau jene Verwaltungsebene, die CKKI finanziert, die Anforderungen an den Notarbeitsplatz formuliert hat und sich nun den technischen Erfolg zuschreiben darf, ist nach eigenen Zahlen einer der kleineren Kunden des Programms. Die Lücke ist kein Technologieproblem - das Pilotprojekt hat dieses Argument gerade beendet -, sondern ein Tempo bei Beschaffung und Rollout des Bundes, das mit dem Souveränitätsargument, das der Bund selbst aufgebaut hat, nicht Schritt gehalten hat.

Was die Konsultation im August beantworten muss

Die Ende August startende öffentliche Konsultation wird als nächster Schritt zur Skalierung von openDesk als souveränen Notarbeitsplatz angekündigt, wobei die Erkenntnisse aus CKKI in die breitere EU-Initiative 8ra für interoperable souveräne Cloud- und Edge-Infrastruktur einfliessen sollen. Diese Konsultation erbt eine Glaubwürdigkeitsfrage, die sich CKKI nicht stellen musste: Ein Krisenkommunikationswerkzeug ist nur so nützlich wie die Zahl der tatsächlich bereitgestellten Zugänge, bevor die Krise eintritt.

Für andere öffentliche Verwaltungen in der EU, die Deutschlands Modell beobachten, lautet die Lehre aus 2026 nicht, dass Open-Source-Souveränitätspilotprojekte technisch scheitern - dieses hat eindeutig funktioniert -, sondern dass ein erfolgreiches Pilotprojekt und eine finanzierte Beschaffungspipeline zwei verschiedene Vorhaben sind, bei denen eine Regierung beim ersten führen und bei zweiten hinter ihren eigenen Ländern zuruckbleiben kann.