Was Brüssel am 9. Juni angeordnet hat
Am 9. Juni 2026 erliess die Europäische Kommission in ihrem laufenden Kartellverfahren einstweilige Massnahmen gegen Meta. Die Anordnung ist konkret: Meta muss den freien Zugang zur WhatsApp Business API für allgemeine KI-Assistenten von Drittanbietern wiederherstellen, zu denselben Bedingungen wie vor dem 15. Oktober 2025, binnen fünf Arbeitstagen, und diesen Zugang bis zum Ende der Untersuchung offenhalten. Exekutiv-Vizepräsidentin Teresa Ribera formulierte es nüchtern: Die Kommission verlangt von Meta die Wiederherstellung des Zugangs für konkurrierende KI-Assistenten, während sie prüft, ob die Beschränkungen EU-Wettbewerbsrecht verletzen.
Einstweilige Massnahmen sind eine Notbremse. Sie kommen nur zum Einsatz, wenn das Warten auf eine endgültige Entscheidung dem Wettbewerb ernsten und irreparablen Schaden zufügen würde. Die Kommission argumentiert, der wachsende Markt für allgemeine KI-Assistenten sei genau die Art junger Markt, der endgültig verschlossen sein kann, bevor ein Verfahren im Normaltempo endet. Sie hat sich entschieden, nicht zu warten.
Wie ein Messenger zum KI-Nadelöhr wurde
Die Chronologie erzählt die Geschichte. Am 15. Oktober 2025 änderte Meta die Richtlinien der WhatsApp Business API und sperrte allgemeine KI-Assistenten von Drittanbietern aus. Meta AI blieb als einziger Assistent dieser Art auf der Plattform. Im Dezember 2025 eröffnete die Kommission ein Kartellverfahren, im Februar 2026 folgte eine Mitteilung der Beschwerdepunkte zu möglichen einstweiligen Massnahmen.
Am 4. März 2026 überarbeitete Meta die Richtlinie und liess fremde Assistenten wieder zu, allerdings mit einer Gebühr, die nach Einschätzung der Kommission dem ersetzten Verbot gleichkommt. Im April folgte eine ergänzende Mitteilung der Beschwerdepunkte. Die vorläufige Sicht dahinter: Meta ist bei Consumer-Messengern im EWR marktbeherrschend und nutzte diese Stellung, um KI-Konkurrenten von den WhatsApp-Nutzern fernzuhalten. Gerade für den deutschen Mittelstand, der Kundenservice zunehmend über WhatsApp abwickelt, ist das keine Randnotiz.
Das Signal hinter dem Fall
Zwei Dinge stechen heraus. Erstens das Tempo. Einstweilige Massnahmen gehören zu den seltensten Werkzeugen in Brüssel. Dass sie für KI-Distribution eingesetzt werden, heisst: Die Kommission glaubt, der Kampf um den Assistentenmarkt wird jetzt entschieden, in den Kanälen, nicht in Benchmark-Tabellen. Zweitens steht Brüssel nicht allein: Auch die italienische Wettbewerbsbehörde hat in ihrem eigenen Missbrauchsverfahren zu Meta AI einstweilige Massnahmen verhängt.
Die Schadenstheorie ist einfach. Wer den Kundenkanal besitzt, entscheidet, welche KI den Kunden erreicht. Meta weist das zurück, sagt, die Anordnung zwinge das Unternehmen, grossen Konzernen freien Zugang zu einem selbst gebauten und bezahlten Produkt zu geben, nennt die Entscheidung regulatorische Übergriffigkeit und hat Berufung angekündigt.
Was das für Ihre Kanalstrategie bedeutet
Wenn Ihr Unternehmen Kundenservice oder einen Commerce-Assistenten über die WhatsApp Business API betreibt, verlangt die Entscheidung nichts von Ihnen. Aber sie bepreist Ihre Abhängigkeit neu. Die Bedingungen eines Kanals, auf den Sie sich verlassen, änderten sich einmal, fünf Monate später erneut, und wurden dann von einer Behörde zurückgedreht. Behandeln Sie Kanalbedingungen wie Lieferantenrisiko: Kennen Sie Ihre Exponierung und Ihre Alternativen.
Die praktischen Schritte sind unspektakulär. Inventarisieren Sie, welche Kundenkanäle Sie selbst besitzen, etwa Website, App und eingewilligte E-Mail-Liste, und welche Sie nur mieten. Halten Sie einen zweiten Kanal warm genug, dass er Last tragen kann, wenn Bedingungen kippen. Und wer einen KI-Assistenten einkauft, lässt sich schriftlich geben, was mit der Servicekontinuität passiert, wenn sich Plattform-Zugangsbedingungen ändern. Die Berufung wird Monate dauern. Ihre Kanalkarte sollte nicht darauf warten.
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