Die 60 Prozent, die in keiner Schlagzeile standen

Amazon meldete am 30. Juli einen Nettoumsatz von 200,6 Milliarden Dollar für das zweite Quartal, ein Plus von 20 Prozent, sowie ein operatives Ergebnis von 27,5 Milliarden Dollar, ein Plus von 43 Prozent. Davon entfielen 16,6 Milliarden Dollar operatives Ergebnis auf Amazon Web Services, bei 42,2 Milliarden Dollar Umsatz. AWS steht für 21 Prozent des Umsatzes und für 60 Prozent des Gewinns.

Warum das zählt. Das Handelsgeschäft trägt Amazon nicht mehr. Nordamerika brachte 9,1 Milliarden Dollar operatives Ergebnis, das internationale Segment 1,7 Milliarden. Wer in Frankfurt, wo AWS seine größte deutsche Region betreibt, über Cloud-Zusagen, Marktplatzgebühren oder Werbepreise verhandelt, verhandelt mit einem Konzern, dessen Ertrag an einer einzigen Einheit hängt, und diese Einheit verkauft Rechenleistung.

Die 53,4 Milliarden Dollar, die nie einen Kunden berührt haben

Der Nettogewinn lag bei 62,6 Milliarden Dollar oder 5,75 Dollar je verwässerter Aktie, nach 18,2 Milliarden und 1,68 Dollar im Vorjahr. Mit dieser Zahl liefen die Agenturmeldungen. Sie ist kein operatives Ergebnis. Amazon schreibt in derselben Mitteilung, dass das Quartal 53,4 Milliarden Dollar nicht operative Vorsteuererträge enthält, vor allem aus den Beteiligungen an Anthropic.

Diese Bewertung ist saubere Buchhaltung und sie ist kein Geld. Sie ist die Neubewertung einer privaten Beteiligung, gebucht weil sich Anthropics Bewertung bewegt hat, und sie beträgt fast das Doppelte der 27,5 Milliarden Dollar, die der gesamte Konzern operativ verdient hat. Für die Frage, wie stark ein Anbieter beim Preis unter Druck steht, sagt diese Neubewertung nichts. Das operative Ergebnis sagt alles.

Ein Aufbau, groß genug um den Cashflow negativ zu drehen

In den vergangenen zwölf Monaten erwirtschaftete Amazon einen operativen Cashflow von 161,4 Milliarden Dollar, ein Plus von 33 Prozent. Im selben Zeitraum gab der Konzern 173,0 Milliarden Dollar für Sachanlagen aus, ein Plus von 64 Prozent. Den Anstieg von 66,1 Milliarden Dollar führt Amazon vor allem auf Investitionen in künstliche Intelligenz zurück. Der freie Cashflow lag über diese zwölf Monate bei minus 7,6 Milliarden Dollar.

Ein Unternehmen kann bewusst negativen freien Cashflow fahren, und Amazon hat genau das schon einmal getan, um sich ein Jahrzehnt Vorsprung zu kaufen. Für einen Kunden ist die entscheidende Tatsache enger als die Debatte darüber, ob die Strategie klug ist. Kapazität wird vor dem Umsatz bezahlt, den sie später tragen soll, und die Abschreibung beginnt unabhängig davon, ob die Mieter pünktlich einziehen.

Amazon senkt die eigene Gewinnprognose

Für das dritte Quartal stellt Amazon einen Nettoumsatz von 197,0 bis 202,0 Milliarden Dollar und ein operatives Ergebnis von 22,5 bis 26,5 Milliarden Dollar in Aussicht. Die Obergrenze dieser Spanne liegt unter den soeben gemeldeten 27,5 Milliarden Dollar. Amazon stellt den Markt also auf weniger operativen Gewinn ein, und zwar in derselben Mitteilung, in der Andy Jassy sagt, AWS sei um 36,7 Prozent gewachsen, so schnell wie seit 18 Quartalen nicht mehr, und die Bereiche künstliche Intelligenz und Chips hätten jeweils eine Jahresrate von 25 Milliarden Dollar überschritten.

Der Widerspruch ist die Nachricht. Beschleunigender Umsatz bei gleichzeitig sinkender Gewinnprognose ist genau das Bild, das eine Abschreibungswelle erzeugt, sobald sie die Gewinn- und Verlustrechnung erreicht. Die im vergangenen Jahr gekauften Anlagen werden nun gegen die kommenden Quartale gebucht, und das sind die Quartale, in denen die in diesem Herbst unterzeichneten Verträge laufen.

Was ein europäischer Einkäufer vor der Verlängerung tun sollte

Ein Anbieter, der eine Abschreibungsstufe verkraften muss, hat zwei Hebel: Preise erhöhen oder die Marge schrumpfen lassen. Amazons Geschichte deutet auf einen dritten Weg, den der Konzern bevorzugt. Listenpreise für Standardrechenleistung sinken weiter, während die Schichten darüber bezahlt werden. Datentransfer, verwaltete Dienste und die neueren Dienste für künstliche Intelligenz sind die Stellen, an denen das Geld fließt, und genau diese Dienste hat Jassy als Bereiche mit 25 Milliarden Dollar Jahresrate hervorgehoben. Der Druck landet dort, nicht beim genannten Instanzpreis.

Der praktische Schritt vor dem nächsten Rahmenvertrag besteht darin, den angebotenen Rabatt gegen die Laufzeit zu bewerten, die Sie dafür aufgeben. Eine mehrjährige Zusage in einer Phase mit Kapazitätsüberhang ist ein gutes Geschäft. Dieselbe Zusage in einem Abschreibungszyklus ist eine der Arten, wie ein Anbieter seinen Aufbau finanziert. Fragen Sie, was mit Ihrem Preis passiert, wenn Sie ein Jahr Laufzeit herausnehmen, und behandeln Sie die Größe dieser Lücke als die eigentliche Information der Verhandlung.