Ein Wort, zwei Bedeutungen

Am 10. September kündigten Nvidia und Palantir einen gemeinsamen KI-Stack für das Lieferkettenmanagement an, gebaut aus Nvidias Nemotron-Modellen, Palantirs Foundry-Plattform und dessen Ontology-Datenschicht, dazu eine neue Sovereign AI Operating System Reference Architecture. Nvidia setzt ihn zuerst in der eigenen Lieferkette ein, die 1,3 Millionen Teile pro KI-Server-Rack und tausende Zulieferer umfasst. Jensen Huang nannte Lieferketten das Betriebssystem der physischen Wirtschaft. Alex Karp sagte, der Stack liefere Fähigkeiten jenseits der Spitzenklasse und schütze zugleich den Vorsprung des Betreibers.

Beide benutzten das Wort souverän. Nvidia und Palantir meinen damit, dass die eigenen Daten eines Kunden auf Servern bleiben, die er selbst kontrolliert, ob vor Ort oder bei einem Partner-Rechenzentrum. Das ist eine echte und nützliche Zusage. Es ist aber nicht die Zusage, die die deutsche Regierung verlangte, als sie sich dieses Jahr von Palantir abwandte.

Worum es Deutschland tatsächlich ging

Die Bundeswehr schloss Palantir von ihrem nächsten Militär-Cloud- und KI-Programm aus und setzte stattdessen drei Ersatzkandidaten auf die Liste: Almato aus Stuttgart, Orcrist aus Berlin und ChapsVision aus Paris. Getrennt davon wechselte das Bundesamt für Verfassungsschutz von Palantir zu ChapsVisions Analyseplattform ArgonOS, derselben Software, die Frankreichs Inlandsgeheimdienst DGSI bereits einsetzt.

Der genannte Grund war nicht, wo die Daten physisch liegen. Es ging darum, wer die analytische Schicht kontrolliert, und was mit diesem Zugang geschieht, wenn sich eine diplomatische Beziehung verschlechtert. Ein deutsches Ministerium kann Code, den es nicht besitzt, weder prüfen noch ersetzen, egal in welchem Rechenzentrum er läuft. Das ist ein Einwand gegen Software-Souveränität, und ein Versprechen über den Datenstandort ändert daran nichts.

Was der neue Stack nicht ändert

Der Nvidia-Palantir-Stack für Lieferketten belässt die Rohdaten eines Kunden in dessen eigener Umgebung. Er gibt dem Kunden aber weder die Ontology-Logik, die entscheidet, was diese Daten bedeuten, noch die Nemotron-Modelle, die darüber schlussfolgern, noch die Chips, auf denen diese Modelle laufen. Alle drei stammen weiter von zwei amerikanischen Unternehmen, und ein Kunde, der den Stack für Materialzuteilung, Energienetze oder Pharma-Lieferketten übernimmt, erbt genau die Abhängigkeit, die deutsche Ministerien einkalkuliert und abgelehnt haben.

Die Liste der Infrastrukturpartner hinter der Referenzarchitektur, Dell, Cisco, Rackspace und Nebius, macht den Punkt schärfer statt milder: Ein Käufer muss jetzt der Softwareschicht, der Chipschicht und zusätzlich einer Hardware- und Hosting-Schicht vertrauen, alle drei außerhalb der eigenen Rechtshoheit.

Warum das für europäische Käufer trotzdem zählt

Nvidia und Palantir nannten Landwirtschaft, Fertigung, Pharma, Einzelhandel, Technologie, Luft- und Raumfahrt, Automobil, Energie, Gesundheitswesen und Regierung als Zielbranchen für den Stack. Mehrere davon, besonders Energie und Gesundheitswesen, fallen in dieselbe Kategorie kritischer Infrastruktur, die Deutschland überhaupt erst zu ChapsVision trieb, und genau dort verlangen NIS2-Pflichten bereits, dass ein Betreiber weiß, wer auf seine Systeme zugreifen kann.

Der Referenzeinsatz in Nvidias eigenem Betrieb ist ein wirklich starker Nachweis. Er zeigt, dass die Software an einer echten, komplexen Lieferkette im großen Maßstab funktioniert. Er beantwortet aber nicht die Frage, die sich ein europäischer Käufer in einer regulierten Branche zuerst stellen muss: nicht ob das Werkzeug leistungsfähig ist, sondern wer ihm sagen kann, es abzuschalten.

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